.PHILOSOPHIE
Der Unterricht bei mir bietet einen Weg zum musikalisch- stimmlichen Selbstverständnis und ebenso
einen Weg in die Direktheit der Aussage.
Es ist eine Zusammenarbeit, die über die rein musikalischen Parameter hinausgeht, denn es ist die
gemeinsame Arbeit an der künstlerisch-musikalischen Persönlichkeit.
Ich bin daran interessiert, die Eigenheit einer Stimme und den damit verbundenen Charakter
freizulegen.
Gesang ist eine der wunderbaren Möglichkeiten sich auszudrücken.
Man kann Stimmungen darstellen, Geschichten erzählen, Fragen stellen, Antworten geben
....tun und lassen, was man will und dabei den richtigen Ton treffen im Sinne der Wortwahl und
Aussagekraft. Ebenfalls eine Form der Intonation.
Aussagen tonal auf den Punkt bringen heißt für mich die Sinnhaftigkeit eines Wortes und/oder
Tones zu verstehen und zwar auf intellektueller sowie emotionaler Ebene.
Wenn das klar ist, wird der Körper all das zur Verfügung stellen, was man dafür braucht.
Die Stimme klingt dabei meiner Erfahrung nach so, wie man es möchte.
Zwei wesentliche Punkte der gemeinsamen Arbeit sind:
Herauszufinden, was man will.
Herauszufinden, was man kann – das ist einzigartig.
Da der Körper das Instrument ist, gilt es für mich, ihn in Zusammenarbeit kennen zu lernen.
Denn jeder Körper ist individuell und besitzt seine eigenen Resonanzräume.
Durch das Spüren und Hören der Kopf- und Brustresonanzen und der für mich dazugehörigen
Obertöne hat man die Möglichkeit seinen stimmlichen Facettenreichtum zu erfassen und seiner
Kreativität Raum zu geben.
Die Stimme fließen lassen. Wie das Kommen und Gehen der Luft – in der Regel selbstverständlich.
Der nachfolgende Bericht über mich und meine Art zu unterrichten erschien 2005 anläßlich eines
Semesterabschlusskonzertes meiner Gesangsklasse.
.OFFENE GEFÜHLSKANÄLE VOR DEM AUFTRITT
Über viele Umwege zum Jazz-Gesang: Jule Unterspann lehrt an der Musikhochschule
Anja Barckhausen;Nürnberger Nachrichten 7. Mai 2005
Meine Lehrerin wird schon wissen, wo es lang geht. Wenn solche
schmeichelhaften, aber unrealistischen Ansprüche an sie herangetragen
werden, ist Jule Unterspann jedes Mal aufs Neue wieder verblüfft. Die
Dozentin für Jazzgesang an der Nürnberger Musikhochschule sieht manches
anders als ihre Studentinnen: „Singen – das kommt direkt aus dem
Inneren. Ich kann zwar etwas befördern helfen, das jemand bereits hat,
aber noch nicht erkennen kann. Doch das ist ein lebendiger Austausch,
kein schon vorgegebener Weg. Erst einmal geht es um die Frage – wie
stehen diese Stücke zu mir? Und natürlich um den Mut, eigene Stücke zu
schreiben – seine Stimme zu erheben.“
Jule Unterspann will junge Talente
behutsam wecken. „Wer in eine bestimmte Stilrichtung geschubst wird, kann sich nicht
selber bewegen. Gesang hat viel zu tun mit Identität“, findet die
Jazzsängerin aus Limburg, die seit zwei Jahren wöchentlich nach Nürnberg
pendelt.
Ihre Einschätzung beruht auf Selbsterfahrung. Sie selbst
eroberte sich den eigenen Weg zum Gesang erst spät, als sie nach drei
ganz unterschiedlichen Berufsausbildungen noch immer nicht die richtige
Tätigkeit für sich entdeckt hatte. „Dabei stamme ich aus einer großen
und musikalischen Familie, mein Vater war Chorleiter und Komponist –
allerdings stand zuhause die Klassik im Vordergrund. Ich war
Schreinerin, dann wollte ich Innenarchitektin werden, schließlich
arbeitete ich aus schierer Verzweiflung als Rechtsanwaltsgehilfin, weil
meine Schwester dasselbe machte“, beschreibt die sprühlebendige
Gesprächspartnerin ihren verwinkelten Weg zum Jazz. Schließlich war es
dann doch der Jazzgesang, mit dem sie zunächst in der Frankfurter
Musikwerkstatt, dann in Mainz zu ihrem ureigenen Standort fand.
„Ich
selbst gebe nur Konzerte, wenn ich mich danach fühle“, erklärt die
sensitive Sängerin, die viel Wert legt auf offene Gefühlskanäle. Man
traut ihr zu, dass sie eine komplizierte Persönlichkeit jedenfalls nicht
für ein behandlungsbedürftiges Frauenleiden hält, sondern als kreative
Ressource versteht.
Beobachtet man die Pädagogin mit ihrer Gesangsklasse beim
Semester-Abschlusskonzert im Jazzstudio, erlebt man sie in ihrem
Element. Lampenfieber, „doof“ klingende Textstellen, heimlicher
Liebeskummer, Zickenterror: „Solche Gefühle muss man erst rauslassen,
damit die Stimme nicht untergeht da drin. Ich kann ja nicht heute singen
wie Betty Carter. Ich bin nicht schwarz und ich habe nie in einer
wirklich schlechten Zeit gelebt. Also muss ich mich fragen – wie stehe
ich mit all meinen momentanen Gefühlen eigentlich heute zu diesem Lied?“
Hört man die völlig unterschiedlichen Charaktere, mit denen Jule
Unterspann auf diese Weise arbeitet, auf der Bühne, erlebt man etwas
Ungewöhnliches. Diva-Gehabe und Posen fehlen. Die Ansagen kommen witzig
daher und wirken entwaffnend offen – wie sonst nur bei langjährigen
Stars. Vom freien, rhythmischen Scat bis hin zu vollen und am Folk
orientierten Melodielinien ist alles möglich – ob Swing-Standard oder
selbst geschrieben.
„Wer lehrt, lernt“, lautet einer der Lieblingssätze der Pädagogin, die
im kommenden Herbst beim „Stimmenfang“-Festival (den ehemaligen
Gostenhofer Jazztagen) einen Gesangs-Workshop mit der norwegischen
Starsängerin Sidsel Endresen betreuen will.